Kurz vorweg: Wenn du über 35 bist, länger nichts gemacht hast, Vorerkrankungen mitbringst oder Medikamente nimmst, lass vor dem Start einmal hausärztlich abklären, ob etwas dagegenspricht.³ Das ist kein Formalismus – es ist die einzige Empfehlung in diesem Artikel, die ich ohne Einschränkung ausspreche.
1 Warum so viele wieder aufhören
Eine niederländische Untersuchung fand, dass etwa ein Drittel der Laufanfängerinnen und -anfänger nach wenigen Monaten wieder aufgibt¹ – trotz ambitioniertem Start, oft sogar wegen ihm. Die Gründe sind erstaunlich vorhersehbar und haben fast nichts mit Disziplin zu tun.
Der erste ist das Tempo. Fast alle laufen am Anfang zu schnell, weil sich langsames Laufen falsch anfühlt. Die Folge: Nach zwei Minuten brennt die Lunge, das Laufen wird als unangenehm abgespeichert – und niemand macht auf Dauer etwas, das sich schlecht anfühlt.
Der zweite ist eine Lücke im Körper, die kaum jemand kennt: Herz und Kreislauf passen sich schneller an als Sehnen, Knochen und Bindegewebe. Nach drei Wochen fühlt es sich leichter an, also wird gesteigert – aber die Strukturen, die die Stöße abfangen, hinken hinterher. Genau da entstehen die typischen Einsteigerbeschwerden an Knie, Schienbein und Achillessehne.
2 Die Geh-Lauf-Methode
Die Lösung ist fast schon banal: nicht durchlaufen. Bei der Geh-Lauf-Methode wechseln sich kurze Laufphasen mit Gehpausen ab, die Laufphasen werden über Wochen länger, die Gehpausen kürzer. Entwickelt hat sie 1974 ein US-Olympiateilnehmer, und sie gehört heute zu den meistgenutzten Einstiegskonzepten überhaupt.¹
Der Nutzen ist doppelt. Die Belastung der typischen Schwachstellen – Knie, Sehnen – bleibt niedriger, was das Verletzungsrisiko senkt. Und du bleibst in einem Bereich, in dem Laufen sich machbar anfühlt, was die Abbruchquote deutlich senkt.¹
Die einfachste Regel für die Gehpause stammt von Galloway selbst und heißt sinngemäß: Der richtige Moment für eine Gehpause ist der, in dem du anfängst, deinen eigenen Atem zu hören. Dann gehst du, bis sich die Atmung beruhigt hat, und läufst weiter. Das funktioniert ohne Uhr und ohne Plan.
Und noch etwas gehört dazu: Gehpausen sind kein Scheitern. Wer sie als Notlösung begreift, hört auf, sobald es „endlich ohne" geht – und verliert damit genau das Werkzeug, das den Einstieg getragen hat.
3 Wie langsam ist langsam genug?
Es gibt eine Steuergröße, die ohne Uhr, Pulsgurt und App funktioniert und für den Einstieg vollkommen ausreicht: das Sprechtempo. Du solltest während des Laufens einen vollständigen Satz sprechen können, ohne dass er abreißt.²
Wie klingt dein Sprechen beim Laufen?
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Der häufigste Einwand lautet: „So langsam bringt das doch nichts." Doch – und zwar mehr. Bewusst langsames Laufen in den ersten Wochen macht das Training nachweislich wirksamer und senkt gleichzeitig das Verletzungsrisiko.² Der Reiz für Herz, Kreislauf und Stoffwechsel entsteht durch die Dauer, nicht durch das Tempo.
4 Dein Zehn-Wochen-Plan
Der folgende Rechner gibt dir für jede Woche die passenden Intervalle. Er beginnt sehr zurückhaltend – das ist Absicht. Wenn eine Woche sich zu leicht anfühlt: nicht überspringen, sondern genießen. Wenn sie zu schwer war: dieselbe Woche wiederholen. Das ist kein Rückschritt, sondern der Plan.
Stell die Woche ein.
Vor jeder Einheit fünf Minuten zügig gehen, danach fünf Minuten locker auslaufen oder gehen. Drei Einheiten pro Woche, nie an zwei aufeinanderfolgenden Tagen.
5 Wie oft – und warum Pausen dazugehören
Drei Einheiten pro Woche gelten für Einsteigende als Obergrenze, nicht als Minimum.¹ Dazwischen gehören Ruhetage, und zwar echte: möglichst nicht an zwei aufeinanderfolgenden Tagen laufen. Der Grund ist der aus Kapitel 1 – Sehnen, Knochen und Bindegewebe brauchen länger zur Anpassung als Herz und Lunge.
An den Tagen dazwischen kannst du dich trotzdem bewegen: Gehen, Radfahren, Schwimmen oder Krafttraining belasten andere Strukturen und stören die Erholung nicht. Zwei kurze Krafteinheiten pro Woche sind sogar ausdrücklich empfehlenswert – sie senken das Verletzungsrisiko und machen den Laufschritt stabiler.¹
Zum Zeitrahmen: Eine belastbare Grundlage entsteht in vier bis sechs Wochen, für die vollen fünf Kilometer am Stück sind acht bis zwölf Wochen realistisch.¹ Wer schneller sein will, verlängert am Ende meist die Gesamtdauer – über den Umweg einer Zwangspause.
6 Fünf Übungen, die den Einstieg tragen
Diese fünf brauchen zusammen zehn Minuten und gehören auf die lauffreien Tage. Sie kräftigen genau die Strukturen, die beim Laufeinstieg am häufigsten überfordert werden.
Wadenheben
Im Stand langsam auf die Zehenspitzen und wieder ab. Die Wade und die Achillessehne fangen bei jedem Schritt ein Mehrfaches des Körpergewichts ab – und sind beim Einstieg fast immer die schwächste Stelle.
Brücke
Rückenlage, Beine angestellt, Becken heben und langsam senken. Kräftigt Gesäß und hintere Oberschenkel – die Muskeln, die den Laufschritt antreiben und das Knie stabil halten.
Seitliches Beinheben
In Seitlage das obere Bein gestreckt heben und senken. Die Hüftabspreizer entscheiden darüber, ob das Knie beim Aufsetzen stabil bleibt oder nach innen kippt.
Zehenheben an der Wand
Angelehnt stehen, Fersen am Boden, Fußspitzen heben und langsam senken. Kräftigt den vorderen Schienbeinmuskel – die Stelle, an der Einsteigende am häufigsten Beschwerden bekommen.
Einbeinstand
Auf einem Bein stehen, Knie leicht gebeugt, Blick geradeaus. Laufen ist im Grunde eine Kette von Einbeinständen – wer hier sicher ist, läuft ökonomischer und stolpert seltener.
7 Ausrüstung: was wirklich nötig ist
Für die ersten Wochen reichen ordentliche Sportschuhe, in denen du dich wohlfühlst. Sobald du regelmäßig läufst, lohnt sich eine Beratung im Laufgeschäft – nicht wegen der Marke, sondern weil Passform und Dämpfung zu deinem Fuß und deinem Gewicht passen sollten.³ Blasen und die typischen Anfängerbeschwerden lassen sich damit spürbar reduzieren.
Alles Weitere ist optional. Eine Uhr misst Dinge, die dich in den ersten Wochen nicht weiterbringen – dein Sprechtempo ist die bessere Steuergröße. Funktionskleidung ist angenehm, aber kein Erfolgsfaktor. Die zuverlässigste Fehlinvestition beim Einstieg ist Technik, die zweitzuverlässigste ist ein zu ambitioniertes Ziel.
8 Was sonst noch zählt
- Feste Termine schlagen gute Vorsätze. Drei Zeitfenster im Kalender sind wirksamer als der Plan, „wenn es passt" zu laufen. Es passt nie von allein.
- Die ersten fünf Minuten sind immer die schlechtesten. Der Kreislauf braucht diese Zeit. Wer daraus schließt, heute sei kein guter Tag, hört zu früh auf.
- Wetter ist selten ein Grund. Bei Kälte gilt: so anziehen, dass die ersten Minuten leicht frösteln. Wer beim Losgehen angenehm warm ist, schwitzt nach zehn Minuten.
- Eine Runde, die du kennst, senkt die Hürde. Zwei bis drei feste Strecken vor der Haustür ersparen die tägliche Entscheidung, wohin.
- Notiere kurz, was du gemacht hast. Zwei Zeilen reichen. Nach acht Wochen ist das der beste Motivationsbeleg, den es gibt – gerade an den Tagen, an denen es sich nicht nach Fortschritt anfühlt.
- Ein Ziel mit Datum hilft. Ein Volkslauf über fünf Kilometer in drei Monaten gibt dem Ganzen eine Richtung – und einen Grund, den Plan einzuhalten statt zu improvisieren.
9 Sechs Mythen
falsch Gehpausen sind etwas für Untrainierte
Die Geh-Lauf-Methode wurde von einem Olympiateilnehmer entwickelt und senkt nachweislich Verletzungsrisiko und Abbruchquote.¹ Sie ist keine Notlösung, sondern eine Methode – und viele erfahrene Läuferinnen nutzen sie auf langen Strecken bewusst weiter.
falsch Wer langsam läuft, trainiert nicht richtig
Umgekehrt: Bewusst langsames Laufen macht das Training in den ersten Wochen wirksamer und senkt das Verletzungsrisiko.² Der Reiz entsteht über die Dauer, nicht über das Tempo. Zu schnelles Laufen ist der häufigste Grund, warum Einsteigende aufgeben.
falsch Jeden Tag laufen bringt schnellere Fortschritte
Für Einsteigende gelten drei Einheiten pro Woche als Obergrenze, mit Ruhetagen dazwischen.¹ Die Anpassung passiert in der Erholung. Tägliches Laufen führt beim Einstieg vor allem zu einem: einer Zwangspause.
halb wahr Man braucht gute Laufschuhe
Für die ersten Wochen reichen ordentliche Sportschuhe. Wer dabeibleibt, fährt mit passenden Laufschuhen besser – wegen Passform und Dämpfung, nicht wegen der Marke.³ Ein teurer Schuh ersetzt aber keinen vernünftigen Trainingsaufbau.
falsch Seitenstechen bedeutet, dass etwas nicht stimmt
Es ist unangenehm, aber harmlos und beim Einstieg häufig. Meist hilft es, das Tempo zu drosseln und tief in den Bauch zu atmen. Wer zwei bis drei Stunden vor dem Laufen keine große Mahlzeit isst, hat seltener damit zu tun.
falsch Für den Einstieg bin ich zu alt oder zu schwer
Beides sind Gründe, vorsichtiger zu starten – keine Ausschlussgründe. Wer mit deutlichem Übergewicht beginnt, sollte den Anteil des Gehens länger hoch halten und vorher ärztlich abklären lassen.³ Der Weg ist derselbe, nur die Schrittweite ist kleiner.
✓ Selbsttest
Sechs Fragen zu deinem Einstieg. Keine Bewertung – aber ein Hinweis, wo es hakt.
Ich kann während des Laufens einen ganzen Satz sprechen.
Ich laufe manchmal an zwei aufeinanderfolgenden Tagen.
Ich nutze Gehpausen, ohne mich dafür zu schämen.
Ich habe feste Termine im Kalender statt „wenn es passt".
Ich steigere Dauer und Tempo oft in derselben Woche.
Ich mache an lauffreien Tagen etwas für die Kraft.
10 Wann du ärztlichen Rat brauchst
Vor dem Start abklären lassen
- Du bist über 35 und hast länger keinen Sport gemacht
- Bekannte Herz-Kreislauf-Erkrankung, Bluthochdruck oder Diabetes
- Deutliches Übergewicht, Gelenkbeschwerden oder eine zurückliegende Operation
- Du nimmst regelmäßig Medikamente
Während des Trainings sofort abbrechen und abklären lassen
- Druck oder Enge in der Brust, Schmerzen in Arm, Hals oder Kiefer
- Schwindel, Übelkeit oder Ohnmachtsgefühl
- Unregelmäßiger Herzschlag oder Atemnot, die nicht zur Anstrengung passt
- Ein Schmerz, der dich zum Humpeln zwingt oder nach dem Lauf schlimmer wird
Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung.
? Häufige Fragen
Wie oft sollte ich als Anfängerin laufen?
Dreimal pro Woche – und das ist ausdrücklich als Obergrenze gemeint, nicht als Minimum, das man überbieten sollte.¹ Wichtig sind die Tage dazwischen: Laufe möglichst nicht an zwei aufeinanderfolgenden Tagen. Der Trainingseffekt entsteht in der Erholung, und Sehnen und Knochen brauchen länger zum Anpassen als Herz und Kreislauf. Genau diese Lücke ist der Grund, warum sich Einsteigende so häufig verletzen: Die Kondition ist schneller da als die Belastbarkeit.
Wie schnell soll ich laufen?
Langsamer, als du denkst. Die einfachste Steuergröße ist das Sprechtempo: Du solltest während des Laufens problemlos einen ganzen Satz sprechen können.² Wenn du nur noch abgehackt antworten kannst, ist es zu schnell. Fast alle Einsteigenden laufen zu schnell – und das ist der häufigste Grund, warum Laufen als unangenehm empfunden und wieder aufgegeben wird. Langsam laufen ist keine Schwäche, sondern die wirksamere Variante.
Ist es normal, dass ich nach zwei Minuten aus der Puste bin?
Völlig normal, und es sagt nichts über dein Potenzial aus. Der Kreislauf muss sich erst umstellen, die Atmung findet ihren Rhythmus, und die Laufökonomie ist am Anfang schlecht – du verbrauchst für dieselbe Strecke deutlich mehr Energie als jemand mit Übung. Genau deshalb arbeitet die Geh-Lauf-Methode mit kurzen Intervallen: Sie hält dich in einem Bereich, in dem der Körper mitkommt.
Wie lange dauert es, bis ich fünf Kilometer am Stück laufen kann?
Mit einem strukturierten Geh-Lauf-Plan und drei Einheiten pro Woche sind acht bis zwölf Wochen realistisch. Eine belastbare Grundlage entsteht schon nach vier bis sechs Wochen.¹ Das gilt für Menschen ohne relevante Vorerkrankungen und ohne größere Laufpause im Hintergrund. Wenn es länger dauert, liegt das fast nie an fehlendem Talent, sondern daran, dass zwischendurch zu schnell gesteigert wurde.
Brauche ich spezielle Laufschuhe?
Für die ersten Wochen reichen ordentliche Sportschuhe. Sobald du regelmäßig läufst, lohnt sich eine Beratung in einem Laufgeschäft – nicht wegen der Marke, sondern weil Passform und Dämpfung zu dir passen sollten.³ Was du dagegen nicht brauchst: Pulsgurt, Kompressionskleidung oder eine Uhr mit dreißig Funktionen. Die häufigste Fehlinvestition beim Einstieg ist Technik, die zweithäufigste sind zu ambitionierte Ziele.
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Quellen
- Zur Geh-Lauf-Methode nach Galloway und zur Abbruchquote: niederländische Untersuchung, nach der etwa ein Drittel der Laufanfängerinnen und -anfänger nach wenigen Monaten wieder aufgibt; geringeres Verletzungsrisiko und bessere Durchhaltequote durch Geh-Lauf-Intervalle. garmin.com ↗
- Zum Sprechtempo als Steuergröße und zur Wirksamkeit bewusst langsamen Laufens in den ersten Wochen sowie zu den Zeiträumen bis zu den ersten fünf Kilometern. laufshirt-bedrucken.de ↗
- Zu Verletzungen beim Laufeinstieg, zur Empfehlung eines ärztlichen Check-ups ab etwa 35 Jahren und zur Schuhberatung. runnersworld.de ↗
- Zur Trainingshäufigkeit von maximal drei Einheiten pro Woche mit Ruhetagen dazwischen, zur ergänzenden Kräftigung und zu den Zeiträumen von vier bis sechs beziehungsweise acht bis zwölf Wochen. nike.com ↗
- Zur „Keuch-und-Schnauf-Regel" als einfachem Kriterium für den Zeitpunkt der Gehpause und zum Trainingsaufbau über mehrere Monate. bevegt.de ↗
Dieser Text ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Stand: Juli 2026.